5. November 2017

Ein Bazillus ist kein Virus

Maria Paz fing sich von unseren kleinen, lieben süßen Ariana einen Grippevirus ein.
Zwei Tage hatte sie, wie sie sagte, Fieber, Knochenschmerzen und, wie ich sehen konnte, eine Rotznase. Aber nichts im Vergleich zu einem ordentlichen Männerschnupfen.
Voller Stolz präsentierte sie mir ihre Papiertaschentücher die kurz vor ihrer Auflösung standen, weil sie stark durchtränkt waren und sagte dabei: „Siehst du so spart man und tut was für die Umwelt“. Und weiter:“ Ich habe schon Angst, falls ich Dich angesteckt habe, Du wirst so Leiden und mir Mühe machen.“
Ich entgegnete:“Ich werde nicht krank.“

Am dritten Tag hatte ich 39,6 Grad Fieber. Es konnten auch zwei Grad mehr gewesen sein.

Wie ein Mann habe diese Geisel auf mich genommen.
In der Nacht konnte ich dann jede Stunde, und die Zeit dazwischen auch, die Dunkelheit in ihrer schönsten Schönheit bewundert. Die schmerzenden Knochen und die räumliche Enge meiner Blase machten es möglich.
Gesagt habe ich Maria Paz von meinen nächtlichen Problemchen nichts, sonst hätte es wieder geheißen: „Die besseren Männer sind die Frauen.“

Am nächsten Tag stabilisierte sich das Fieber, der Harndrang und die Knochenschmerzen auf höchstem Niveau.
Maria Paz:“Komisch das deine Nase nicht läuft.“
Ich habe zwar eine markante Nase, aber laufen kann sie dennoch nicht, allenfalls tropfen. Tat sie aber nicht.

Gegen Abend ergab sich eine Änderung meines Gesundheitszustandes betreffend meiner unteren Region, sodass sogar Maria Paz was davon mitbekam.
Denn das Gestöhn und das Geschrei konnte ich nicht mehr für mich behalten, obwohl ich alle Tricks angewandt habe.
So habe ich versucht die Primärschmerzen durch hinzufügen von stärkeren Sekundärschmerzen zu lindern. Mangels zweier 25 Kilo Steine die ich an meine Hoden hätte binden wollte, habe ich mir auf die Oberschenkel geklopft. OK. Dass ist wie ein Fliegenschiss auf einen Kuhfladen, aber immerhin mehr als nichts und noch mehr als gar nichts.

Da ich auch am nächsten Tag bezüglich den 25 Kilo Steinen nicht fündig geworden bin, haben wir, also Maria Paz, beschlossen das Centro Salud aufzusuchen.

Das Centro Salud ist so was wie eine Kombination von Krankenhaus und Kneipe. Es gibt zwar keinen OP-Saal, kein Röntgengerät aber auch kein Bier. Dafür einige Sprechzimmer, ausgestattet mit alten Holzschreibtischen, Liegen und Abfalleimern und es gibt einen Wartesaal. In ihm lässt sich herrlich und laut kommunizieren, aber nur alle Wartenden gemeinsam und gleichzeitig. Eben wie in einer Kneipe.

Am Centro Salud angekommen standen wir vor verschlossenen Türen, und dies am späten Sonntagnachmittag.
Maria Paz war der Meinung, dass Frau Doktor zu einem Hausbesuch unterwegs sei. Ich dachte für mich: „sie treibt es mit den Sanitätern.“
Nach geraumer Zeit stellten wir fest, wir müssen 112 anrufen dann werden sich die Türen öffnen.
Also zum Telefonieren zurück zum Haus.

Den Weg dorthin nutzte Maria Paz um mir zum tausendundeinsten Mal vor zu jammern, wie schlecht es doch hier in Spanien sei, erst recht das Gesundheitssystem, es sei Grotten schlecht und überhaupt ist das Telefonieren sooo schwierig. Was soll sie den 112-ern sagen, was wollen sie von ihr wissen und überhaupt das Leben ist so schwer.
Als ich nach kurzem Oberschenkel klopfen ins Wohnzimmer kam, war Maria Paz ganz routiniert mit der 112 am telefonieren.
Es ging zurück zum Centro Salut. Aber die Türen waren noch immer zu.
„Soll ich die 112 anrufen?“ fragte mich Maria Paz. „Hast Du dein Handy dabei?“ entgegnete ich.
„Hatte ich eben auch schon!“

Nun ja….

Nur kurze Zeit später kam Frau Doktor und öffnete uns. Angesichts der Frau Doktor wurde mir sofort bewusst mit welch ausgeprägter Fantasie ich ausgestattet bin. Stichwort: Sanitäter und so.

Aber was animalisches hatte sie dennoch, denn sie schickte mich sofort zum Oberschenkel klopfen aufs Klo.

Da stand ich nun, in der Linken einen Plastikbecher in der Hand, mit der Rechten habe ich mir auf die Schenkel geklopft. Immerhin, über Daumen und Zeigefinger fanden einige Tröpfchen des begehrten Nass in den Becher.
Gott sei Dank, war ich, gekleidet mit einer dunkelgrauen Cordhose, für solche Situationen bestens vorbereitet.

Trotz der wenigen Tröpfchen kam die Diagnose von Frau Doktor prompt. Ich hatte mir eine starke Blasenentzündung eingefangen.

Nicht nur das Frau Doktor schnelle Diagnosen erstellen konnte, sie verfügte auch über übersinnliche Kräfte. Denn nach dem Befund waren meine Knochenschmerzen urplötzlich weg.

In den kommenden Nächten brauchte ich nicht mehr mit der Wärmeflasche meine Knochen zu wärmen sondern nur noch, zwar an gleicher Stelle, meine Nieren.

Anmerkung:
Nach dem Einlösen des Rezeptes verlangte die Apothekerin „veinticinco“ (25).
Da an deutsche Arzneimittelpreise gewöhnt nahm Maria Paz einen 50 Euro Schein aus ihrer Geldbörse. Die Apothekerin: „Haben sie keine 25  Cent?“

Nur soviel zu dem Gesundheitssystem in Spanien.