03. Januar 2015

Lili, Reli und Sultan

Hier eine kleine Erzählung von unseren Hühnern Lili und Reli. Diese Geschichte habe ich heute meine Cousine Andrea geschickt, die gerade ein Kinderbuch, in dem Hühner die Hauptrolle spielen, schreibt.

Mein Schwiegervater hatte immer Hühner, diese fristeten ihr Dasein in einem größeren Käfig.
2012 hatte er nur noch drei Hühner. Von diesen sollte Maria Paz das Huhn, welches keine Lust mehr hatte regelmäßig Eier zu legen, durch den Schwiegervater von Astrid töten lassen. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig von einem Schlaganfall erholt und konnte somit die Sache nicht selbst erledigen – zehn Monate später verstarb er.

Gesagt getan.

Beim Ausnehmen zeigte sich, dass das Huhn jede Menge noch nicht fertig entwickelte Eier im Bauchraum hatte. Maria Paz hatte das jüngste Huhn dem Suppentopf zugeführt. Statt ihrer hätte Lili, die nur lustlos Eier legte, in den Topf gehört.

Nachdem mein Schwiegervater – wohl aus Gram vor unserer Unwissenheit von Natur und Tier – verstorben war, haben ich den beiden verbliebenen Hühnern Namen, entsprechend ihrer Zuordnung im Käfiggestell, gegeben. Das linke Huhn sollte entsprechend meiner technischen Intension, Li-die (links-die) und das rechte Re-die (rechts-die) heißen.
Es sind wunderschöne Namen und jeder kann leicht nachempfinden wie ausgeprägt mein Interesse zu diesem Zeitpunkt an Hühnern war.
Da Maria Paz meine Namenswahl akustisch missverstanden hatte, wurde aus Re-die „Reli“ und aus Li-die „Lili“.

Über Jahre hinweg haben Maria Paz und ich gewollt das die Hühner frei gelassen werden. Mein Schwiegervater ließ sich aber von unseren Argumenten zur Humanität und der Mäuseplage – die Käfige standen im Haus und zogen die Mäuse wie ein Magnet an und nicht nur Mäuse – nicht überzeugen. Jetzt waren wir verantwortlich für die Hühner und mussten nun überlegen, was das Beste für die Hühner ist. Schlussendlich haben wir sie frei gelassen. Es zeigte sich, dass alles viel schlimmer war, als vermutet. Die beiden Hühner haben in ihrem Leben nie die Sonne, keinen Grashalm, keinen Baum, keine Vögel, keinen Sultan (unser damaliger belgischer Schlappohrschäferhund) gesehen, keinen Regen und keinen Wind gespürt. Jetzt in Freiheit hatten sie panische Angst und fraßen nichts und hockten nur da. Erst nach drei oder vier Tagen haben sie sich aus dem von mir provisorisch hergerichteten Stall getraut, aber nur drei bis vier Meter und dies auch nur durch List. Von da ab ging die Gewöhnung an die erlangte Freiheit einigermaßen schnell. Bald waren 5000 M² – ohne unsere Küche, die sie gerne besuchten – nicht genug zum Picken und Baden, auch wurden sie zutraulich, Lili mehr als Reli.

Lili war ein Schmusetier. Kaum hörte oder sah sie uns da kam sie schon gackernd und flügelschlagend zu uns gerannt. Auf unseren Armen war sie entweder am schlafen und schnarchte oder sie quietschte wie eine Scharniere einer alten Türe, nur viel wärmer und mit viiiel Liebe.

Manches mal war sie schon sehr lästig. Nur mit Vorsicht kannte man mit Pickel, Spaten oder Traktor arbeiten da sie immer die unmittelbare Nähe zu uns suchte und keine Angst kannte. Unsere Terrasse habe ich einzäunen müssen, um ungestört meinen Mittagsschlaf halten zu können.

Leider wurde unser Sultan krank. Er hatte eine bösartige Wucherung am rechten Lauf die sich bis in den Brustbereich ausbreitete. Für ihn gab es keine Heilung und wir mussten ihn später einschläfern. Lili und Reli haben schnell entdeckt, dass, das Trockenfutter von Sultan genauso gut, wenn nicht sogar besser schmeckte als Würmer, welche man auch noch mühsam aus der Erde kratzen musste. Da der Sultan wegen seiner Krankheit seine Hütte nur noch selten verließ, waren die Leckerlis im Hundenapf für Lili und Reli nicht mehr so ohne weiteres erreichbar. Über Tage tasteten sich die Beiden langsam aber sicher an den Napf heran und testeten so die Restmotorik von Sultan.
Als diese den Napf erreichten, war das dem Sultan nicht recht, er machte grrrr, grrrr, grrrr.
Der gedämpfte Lärm hielt die Beiden nicht von den Leckerlis ab.
Sultan hob den Kopf und machte nun wuff… wuff.
Dies ebenfalls ohne den gewünschten Erfolg.
Nun richtete er den Oberkörper auf und machte laut wau.. wau.. wau.
Auch diese Mühe hätte er sich sparen können.
Nun war es Sultan leid und, da er sowieso schon auf den Vorderpfoten war,….. biss er zu.
Es flogen die Federn wie auch die Hühnchen selbst. Verschreckt formierten Reli und Lili sich und stolzierten danach dicht nebeneinander, mit hochgerecktem Kopf und aufrechtem Bürzel, langsam, sehr langsam, unmittelbar an der Nase von Sultan vorbei, als wollten sie ihm damit sagen „du kannst uns mal“. Es war ein Bild für die Götter.
Leider ist der mitwandernde Blick von Sultan nur schlecht zu beschreiben. An seinen Augen sah man was er gerade dachte, in etwa so: was sind das denn für Schicksen, affektierte Tussis, typisch Weiber, die haben doch ’n Knall.

Wenige Tage danach war das Hundefutter im Napf nur noch für sie.

Besonders Lili mochte das Hundefutter, was aber auf die Dauer ihrer Figur nicht zuträglich war.
Irgendwann konnte sie wegen ihres Gewichtes nicht mehr auf die Mauer fliegen und hatte Schnappatmung. Den Hühnerstall verließ sie nur noch ungern, auch weil ihre Aussicht auf weitere Leckerlis gleich Null war.

Manches mal kann eine kräftige Magenverstimmung auch ein Segen sein.
Bei Lili war die Verstimmung allerdings so schlimm, dass wir mit ihrem Ableben gerechnet haben.
Mit Reis, Wasser mit Kohle versetzt, human- und tiermedizinischen Medikamenten haben wir sie dann doch wieder hinbekommen. War die Freude groß als wir sie wieder hoch oben auf der Mauer sahen, ganz ohne Schnappatmung.

Welchen sozialen Zusammenhalt die Tiere besitzen lässt sich ersehen, wenn ein Tier, wie hier Lili, krank ist. Das gesunde Tier verlässt, zumindest eine Zeit lang, nicht die kranke Lebensgefährtin.

Im August haben wir durch einen Schlaganfall Reli verloren und schnell für Lili mit Lilo eine neue Freundin beschafft.

Über Lilo lässt sich nicht viel schreiben, ist halt ein Huhn, immer auf der Suche nach Würmern und Grillen.

Nach einiger Zeit wurde Lili wieder krank, ich vermute Magen- Darmkrebs oder so was. Wir haben für sie alles gemacht – Details erspare ich mir – und sie ließ alles, voller Vertrauen zu uns, ohne ein Mucks über sich ergehen. Letztlich konnten wir bei ihrem Tod nur beistehen. Sie vorher zu erlösen, nein, das haben wir nicht übers Herz gebracht.