Dicke Zunge

Es war so zwischen 1985 und 1990, wie so oft wollte mich meine Schwiegermutter beim Frühstück mit Süßem verwöhnen. Es war ein warmer Sommertag.
Beherzt biss ich in die Teigtasche ohne zu ahnen, dass auf der Unterseite eine Wespe mir meinen Kuchen streitig machte.
Kaum war mein Mund geschlossen bekam die Wespe ob der Dunkelheit Panik und stach mir mit aller Gewalt in die Zunge.
Es war nicht schlimm, nur ein leichter stechender Schmerz. Am Nachmittag ritt ich auf meinem damaligem Stahlross um die Gegend zu erkunden.
Als ich zurück kam, erwartete mich eine große Überraschung, Eggo mit seiner Frau Annemarie waren da. Wegen eines Unfalls nicht weit von unserem Ort entfernt baten sie um sprachliche Hilfe. Eggo war ein Vereinskamerad beim Wassersportverein Rumeln Kaldenhausen, kurz WRK. Von Beruf war er Orthopäde und nebenbei ein ausgezeichneter Segler. Er und Annemarie wollten mit ihrem Mercedes und dem angehängten Wohnwagen, welcher gut als Hundehütte in Eierform für Rehpinscher durchgegangen wäre, den Norden von Spanien erkunden.
Er sah sich die Stelle mit dem Stich an und diagnostizierte eine leichte Rötung und eine leichte Schwellung, also nichts tragisches.
Abends sind wir zum Humeressen nach Gijon gefahren. Bevor wir in die Betten gingen schaute er sich meine Zunge nochmals an und sah keine Notwendigkeit seine Diagnose vom Nachmittag zu korrigieren. Auf meine besorgte Frage, ob er meinen Hals im Notfall aufschneiden kann bekam ich eine positive Antwort, darauf schlief ich mit der Welt zufrieden und sorglos ein.
So gegen fünf Uhr am Morgen bemerkte ich, dass etwas aus meinem Mund quoll. Es war meine Zunge. Nur durch die Nase konnte ich noch atmen.
Gott sei Dank gab es genügend Eiswürfel zum Kühlen und Abschwellen der Zunge. So saß ich mit Todesangst bis neun Uhr in der Küche und lutschte Eiswürfel. Endlich wachten die Schwiegereltern und Maria Paz auf. Maria Paz rief augenblicklich Eggo, den ich wegen seinem Stress am Vortag nicht stören wollte.
Er sah mich, packte mich und fuhr direktamente zur nächsten Apotheke.
Hier durfte ich erfahren, dass Latein die wahre Weltsprache ist. Denn sonst hätten sich der spanische Apotheker und der deutsch Doktor nicht verständigen können.
Eggo war mit seinen zwei Metern ein wahrer Hüne. So wie er aussah, so behandelte er seine Patienten.
Seine Maxime: Schmerzen sind dazu da um diese auszuhalten.
Also Hose runter und los ging es. Ich habe leider nicht mitgezählt, aber wenn ein Apotheker ein ums andere Mal die Hände vors Gesicht hält, dann darf man getrost von 12 Spritzen ausgehen. Zumal Eggo, ein bekennender Pfennigfuchser, meinte, dass man, also ich, die günstigen Medikamentenpreise hier in Spanien ausnutzen muss.
Er spritzte mir Gegengift, dann was für die Schwellung und was zur Stärkung des Kreislaufes.
Der Erfolg seiner Therapie setzte fast augenblicklich ein. Die Schwellung war innerhalb weniger Minuten und ich für mehrere Stunden im Bett verschwunden.
Nachträglich hätte ich mich im Hintern beißen können, weil ich den Eggo nicht geweckt habe, so wären mir viele Ängste erspart geblieben