In Seenot

Im Juni 1962, ich war gerade 13 Jahre alt, sind wir, meine Eltern, Thomas und ich, nach Saint Raphael an der Cote d Azur in den Urlaub gefahren.
In Erinnerung sind mir die riesigen bis fast drei Meter hohen Schneewände, welche sich entlang einer Straße in der Nähe zum Mont Blanc auftürmten. Heutzutage nicht mehr vorstellbar.

Der Camping Platz auf dem wir unser Wohnwagen abstellten lag unmittelbar an einer von Wind und Wellen geschützten Bucht.
Mein Vater war 1958 Mitbegründer des WRK (Wassersport-Gemeinschaft Rumeln-Kaldenhausen) und hat sich der Segelei verschrieben. Damals war es was besonderes ein eigenes Boot zu haben. Somit war der Stolz meines Vaters ein Paddelboot mit dem Namen „Esso Rumeln“.
Mit ein bisschen Stoff und einem kurzen Mast konnte das Padelboot zu einem rassigen Segler umgebaut werden.

Am zweiten Urlaubstag baute mein Vater das Faltboot auf. Danach machten er und ich einen ersten Segeltörn hinaus auf die Riviera.
Anfangs war ich von dem schwachen Wind enttäuscht. Die Flaute unterschied sich nicht von der am Töppersee in Duisburg-Rumeln.
Kaum hatte ich diese Erkenntnis meinem Vater mitgeteilt, was ich wohl besser unterlassen hätte, wechselte der laue Seewind hin zu einem Landwind, zu einen starken Mistral.
Dieser und die hohen Wellen trieben unser Bötchen immer weiter hinaus aufs offene Meer.
Wellen und Wind machten eine Wende, welche eine Voraussetzung für eine Rückkehr zum Ufer war, unmöglich.
Da mein Vater nur wenig Lust verspürte in Tunesien anzulanden, wagte er eine (halsbrecherische) Halse.
(Den Unterschied zwischen Wende und Halse bitte in Wikipedia nachlesen).
Wie von mir, weil ich Angst hatte, aber nicht von mein Vater erwartet, war das Puch-Faltboot die Herausforderung einer Halse nicht gewachsen. Der Mast brach und das Boot kenterte. Wir vielen in das Wasser. Durch die hohen Wellen drehte sich das Boot immer um seine Längsachse. Ein Festhalten am Boot war somit unmöglich. Es war nur Schwimmen angesagt.
Wir trieben immer weiter vom Land ab. Bald konnte ich es aus dem Wasser nicht mehr sehen. Um uns tobten laut Wind und Wellen. Entgegen dem Rat meines Vaters habe ich trotzdem „Hilfe“ geschrien.
Und das Unwahrscheinliche passierte, es kamen zwei Fischerboote auf uns zugefahren und retten uns aus der tödlichen Lage.
Meine Hilferufe haben sie nicht gehört, aber sie kannten das Meer und die Dummheit deutscher Touristen.
Sie wollten wegen des aufkommenden Mistrals ihre Netze zu sichern. Dabei haben sie uns immer im Auge behalten in der Ahnung, dass wir Hilfe benötigen werden.
Nicht nur dass sie mich zu den Fischen unter Deck beförderten und meinen Vater retteten, nein sie nahmen auch unser Boot an den Haken. So tuckerten wir gegen Wind und Wellen in unsere Bucht.
Materiellen Dank haben sie abgelehnt. Zwei, es waren insgesamt vier, der Fischer verschwanden sofort, die anderen beiden haben sich mit einem Pernod zufrieden gegeben.
Vom Land aus hat niemand unsere Seenot mitbekommen. Meine Mutter vermisste uns nicht.
Die vier Fischer waren und sind unsere Lebensretter.
Einen Tag später, ganz in der Früh, hörte man Achsschläge aus dem nahen Korkeichenwald. Mein Vater war dabei Holz für einen neuen Mast zu klauen und um einige Spannten zu reparieren.